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Versinkende Dörfer, große Emotionen und Militär

 

Sonntag, 1.9.2019 - Freitag, 4.9.2019  -  km 570

GESAMT:   23 Tage  - 3.627 km

 

Hasankeyf am Tigris ist der Name, den wir mit dem ehrgeizigen Ilisu-Staudammprojekt verbinden. Dieser kleine Ort, der den Römern bereits als Grenzstadt diente und der bekannt ist für seine Höhlenwohnungen, wird im Februar 2020 völlig von den gestauten Wassermassen des Tigris überflutet sein. In der malerischen Kleinstadt herrscht so etwas wie „Untergangsstimmung“. Noch sitzt man am und im Fluss und genießt Tee. Vor allem türkische Touristen füllen die Restaurants und den Bazar.

 

Ein junger Mann erspäht uns sofort und bietet uns eine Führung an, er voran am Moped. Er ist bei der Umweltschutzbewegung aktiv, die sich seit Jahren gegen den Staudamm einsetzt. Sie haben einige Gerichtsverfahren gewonnen, müssen nun aber erkennen, dass sie gegen die Willen des Präsidenten nicht ankönnen. Er zeigt uns den „Betonsarg“ unter dem die Altstadt begraben liegt. Man hat der Bevölkerung erklärt, dass in 40 Jahren das Wasser weg sei und sie dann ihre Stadt wieder bewohnen können. Wer glaubt den so etwas? Er führt uns in die mit riesigen Steinen gefüllten Canyons, wo Menschen bis in die 70er Jahre in Höhlen gewohnt hatten, und zeigt auf die neu gebauten Häuser, die auf einer Geländestufe in der prallen Sonne liegen. Die umgesiedelten Bewohner können sie für viel Geld erstehen. Dort soll auch ein „Archäologischer Park“ errichtet werden, hat man doch die alte Mosche, das Hamam und den Zeynel Bey Türbesi, ein Mausoleum wie es man sonst nur an der Seidenstraße findet, bereits „transferiert“. Unser junger Guide möchte nicht bleiben, auch wenn ihn seine Familie dazu drängt.

 

Betroffen fahren wir weiter ins Tur Abdin, eine Region, die sich nördlich der syrischen Grenze zwischen Mardin und Idil erstreckt. Sie ist die Heimat der ältesten syrisch – orthodoxen Klöster. Auf 900 – 1100m Höhe liegen unzählige kleine Kirchen(ruinen) und ein Dutzend Klosterbauten. Im kleinen Dorf Gülgöze finden wir die Kirche Mor Hadschbo, mit 4 Wehrtürmen wie eine Festung über dem Ort. Eine Gruppe Ex-Pats, die auf Heimaturlaub sind, empfängt uns überschwänglich. Alle sind sie hier, um ihre Wurzeln zu suchen, sie kommen aus Australien, Paris, Deutschland, den Niederlanden. Es verbinden sie die gemeinsamen Kindheitserinnerungen, die Religion und die Sprache, Aramäisch. Wir erfahren Geschichten von Vertreibung, Auswanderung, Demütigungen durch die türkische Regierung, aber auch geglücktem Neubeginn in der Ferne. Wir spüren viel Sehnsucht nach der Heimat, der alten Religion und erleben große Emotionen.

 

Das älteste syrisch-orthodoxe Kloster liegt noch weiter südlich, nur mehr ca. 20km von der Grenze entfernt. Mor Gabriel, 397 gegründet und seither immer bewohnt, ist ein markantes Statement in dieser Region. Mit vielen Spenden der Auslandscommunity wurde das Kloster perfekt renoviert und mit einer enormen Mauer umgeben. Heute leben noch ca. 60 Personen im Komplex, Nonnen, Mönche, Studenten und Arbeiter. Hier dürfen zwar keine Priester ausgebildet werden, aber die Studierenden lernen Aramäisch (oder Syrisch, wie sie heute sagen) und das geht halt nur mit der Bibel. Wir sind beeindruckt, aber nicht wirklich berührt – alles ist ein wenig zu perfekt.

 

Quer übers Hinterland nähern wir uns wieder dem Tigris. Vor jedem Ort hat sich Militär und/oder Polizei verbarrikadiert, sie sind schwer bewaffnet und von allerlei Militärfahrzeugen umgeben. Wir werden meist freundlich durchgewunken, bekommen Tipps zur Weiterfahrt und neugierig beäugt. Wir glauben, dass mittlerweile alle Wachposten wissen, dass da zwei eigenartige Fahrzeuge aus Österreich (nicht Australien!!) unterwegs sind. Wieder am Tigris lädt uns ein altes Bauernpaar zum Tee. Ihr Garten mit den Feigenbäumen steht bereits unter Wasser und sie müssen rasch weg aus ihrem Haus. Sie sind sehr traurig – das spüren wir, auch wenn wir nicht die gleichen Sprachen sprechen. An einem Nebenfluss des Tigris bleiben wir schließlich in einem Canyon, von den Leuten der Umgebung reichlich versorgt mit Feigen, Pfirsichen, Weintrauben und Gemüse aus den Gärten, die jetzt noch intensiv bewirtschaftet werden können. Die letzte Ernte hier sozusagen. Wir genießen das kühle Badepool im Fluss und rasten im Schatten eines Feigenbaumes – umgeben von interessanten Kletterwänden.

 

Da alle Brücken über den Tigris wegen des Ilisu-Staudamms nicht mehr befahrbar sind, müssen wir zurück nach Dargecit. Wir hoffen, dass dort eine Querung möglich ist. Die Wachposten deuten uns, dass wir nur fahren sollen, „es geht schon“. Leider fragen wir nicht, ob die Straße nach Norden auch noch durchgeht – und das tut sie nicht. Schon nach wenigen Kilometer müssen wir umdrehen, die neue breite Piste hoch oben am Hang ist noch in Bau. Für uns heißt das nur ein paar Kilometer Umweg, für die Dorfbewohner bedeutet das allerdings weite Wege um in die nächste Stadt zu kommen. Das Staudammprojekt überschwemmt nicht nur alte Kulturlandschaften, sondern schneidet auch Menschen von der Umwelt ab.

 

Wir versuchen einen Weg zu finden und landen in Güclykonak, einer unglaublich hässlichen Kleinstadt nahe der syrischen Grenze. Wachposten, Polizei, Armee – alle sind sie da und wollen uns kontrolliere. Da das System für den Passcheck am Kontrollpunkt nicht funktioniert, müssen wir mit einem hochrangigen Offizier ins niegel-nagel neue Bürogebäude am anderen Ende der Stadt. Niemand spricht Englisch. Nur mühsam gelingt es uns unsere Pässe wieder zu bekommen, dafür müssen Martin und Christian im Polizeiauto mitfahren. Mittels Computerübersetzung wird uns erklärt, dass wir einfach deshalb verdächtig sind, weil wir Fremde sind. Eine Stunde werden wir befragt: Was habt ihr im Dorf so-und-so gemacht (Wir können uns nicht einmal mehr an den Namen erinnern)? Kennt ihr wen dort? Warum seid ihr hier? Wo wollt ihr hin? Etc. Wir sind ein wenig genervt, hatten wir doch gemeint, dass die Wachposten untereinander besser vernetzt und wir schon im Land bekannt sind. Schließlich ersucht der Kommandant um Verständnis, denn alle sind hier gefährlich – na ja!?!

 

Kurz hinter dieser Stadt öffnet sich ein dramatischer Blick auf den Tigris: grüne Ufer, Schotterbänke, herrlich. Mir (=Elisabeth) sitzt die Angst im Nacken und so „verkneifen“ wir uns eine Pause am Tigrisufer und fahren weiter nach Sirnak. Susi und Christian wollen hier in einem Seitental übernachten, wir fahren noch ein Stück Richtung Siirt. Der angepeilte Übernachtungsplatz in einer schönen Schlucht wird uns von Einheimischen vereitelt, die uns vor nächtlichen Kontrollen durch das Militär und Schießereien warnen: „Very dangerous“. So beschließen wir, trotz Dunkelheit noch bis ins nächste Dorf zu fahren, wo wie hinter einer Tankstelle bei einem freundlichen Tankwart übernachten können. Anscheinend gibt es hier vermehrt PKK - Aktivitäten, daher diese militärische Präsenz.

 


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Kommentare: 4
  • #1

    Dietmar und Angelika (Montag, 09 September 2019 21:01)

    Wir sind beeindruckt von eurem erlebten und der Berichterstattung! Wünschen eine gute Weiterreise und sind schon auf die nächsten Berichte gespannt.
    Tolle Bilder ! Liebe Grüße

  • #2

    pumare (Freitag, 20 September 2019 16:02)

    Hallo ihr Beiden, da habt ihr viel Glück gehabt. Es gibt ein Buch von Deutschen -
    Gestohlene Freiheit: Wie meine Frau und ich als unschuldige Touristen im türkischen Gefängnis landeten non Wilfried Hofmann - die auch nur da übernachten wollten und dann 24 Tage im Gefängnis landeten. Wegen nichts!!!
    Sehr Interessantes Buch! Lg. Monika und
    Inhalt: Es ist der Alptraum jedes Touristen: Während einer Autotour durch die Türkei werden Gisela und Wilfried Hofmann im Jahr 2016 willkürlich von Gendarmen verhaftet. Den beiden Weltenbummlern aus Thüringen wird Spionage vorgeworfen. Zuerst glauben sie an einen Irrtum, aber schon die ersten Stunden entwickeln sich zu einem Nervenkrieg, der insgesamt 24 Tage dauern sollte. Getrennt voneinander kommen beide in Haft. Wilfried hat bis zu 79 Zellengenossen aus 24 verschiedenen Nationen. Ihre Kinder dürfen sie nicht anrufen, die Botschaft nur ein einziges Mal. Auf sich allein gestellt kämpfen sie sich durch die Verhöre, jeden Tag im Ungewissen, wann sie wieder freikommen werden.
    Es sind Tage und Nächte der Verzweiflung, Hoffnung und Enttäuschung. Dabei wird ihnen schnell bewusst, dass Unmenschlichkeit, Verlogenheit und Korruption zum türkischen Justiz- und Gefängnis-Alltag gehören.

  • #3

    Sylvia (Sonntag, 03 November 2019 19:30)

    Liebe Lisi und lieber Martin, ich lese euren Bericht erst Anfang November und bin froh dass ihr weiter reisen konntet! Tolle Berichte und wunderbare Bilder, danke!

  • #4

    Uwe und Geli (mit der Afrika-Ente) (Donnerstag, 07 November 2019 18:32)

    hallo ihr beiden,
    ganz schön mutig seid ihr da, wie weit südlich ihr durch türkei und kurdengebiet gefahren seid!
    ich habe das buch von Wilfried und Gisela, den beiden, die 24 tage inhaftiert waren, und würde mich da unten nicht hintrauen ...
    eigentlich wären wir ja auch z.zt. in der gegend (und richtung oman) unterwegs, aber unser iveco ist krank und muss erst geheilt werden, also erst nächsten herbst.
    so fahren wir noch ein letztes mal mit unserer afrika-ente durch namibia (das von euch da runter geschaffte getriebe läuft immer noch!)
    geniesst die zeit im oman, es ist sooo schön dort
    viele grüße
    uwe