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Welcome to Iran


Mittwoch, 11.9.2019 - Montag, 16.9.2019,  km 952

GESAMT:  35 Tage -   4.980 km

 

Christians Geburtstag feiern wir mit einem ausgiebigen Van–Frühstück in einem der vielen Frühstückscafés in der Innenstadt von Van. Mit fast 500 000 Einwohnern, einer großen Universität, Krankenhaus und Industrie ist Van eine moderne Stadt, in der man nur mehr in den armen Außenbezirken die Schäden des Erdbebens von 2010 noch sieht.

 

Die 4spurige Straße führt schnurstracks über die Berge, vorbei an kleinen Dörfern mit riesigen neuen Gebäuden (wofür? für wen?) 105 km zur Grenze in Kapikoy. Nur wenige Fahrzeuge warten, Martin und Susi (als Fahrzeuginhaber) werden mit den Autos gleich aufs Gelände gewunken. Christian und ich durchwandern mit vielen iranischen Touristen, die offensichtlich auf Shopping Tour in Van waren, einen elendslangen Gang, zeigen ein paar Mal unsere Pässe und bekommen schließlich einen Ausreisestempel. Auf iranischer Seite arbeiten die Grenzer in Container und alles gleicht einer Baustelle. Wieder werden wir „Footies“ freundlich, aber bestimmt zu Schaltern geschickt, das Visum gestempelt – und das war’s. Martin und Susi werden beim Ausfüllen des Carnéts von einem etwas hektischen iranischen „Helfer“(€ 10,-) unterstützt, aber nach 1,5 Stunden ist alles erledigt und wir holpern über eine Piste in die Islamische Republik Iran.

 

„Welcome to Iran – it’s good you are here“ – das ruft man uns unzählige Male zu. Hier schreibt man das Jahr 1398, es ist der 20.6. Wir stellen unsere Uhren 1,5 Stunden vor, setzen Kopftücher auf und steuern Khoy, die alte Salzstadt an der Seidenstraße, an. In der Innenstadt machen wir sofort Bekanntschaft mit der sehr schmerzbefreiten, um nicht zu sagen abenteuerlichen Fahrweise der Iraner und ihrer Hilfsbereitschaft: Sofort erklärt sich ein Herr bereit, mit Christian und Martin ein Handyshop zu suchen, denn wir tun uns wirklich schwer beim Entziffern der iranischen Schriftzeichen!! Nach einer Stunde kehren sie mit SIMCard, Nüssen und Süßigkeiten zurück. Susi und ich werden in der Zwischenzeit von den Ladenbesitzern mit Tee und Eis versorgt. Der erste Geldwechsel (hier gilt nur Bares, VISA & Co sind ja durch den Boykott gesperrt) verschafft uns dicke Geldbündel – je Euro erhalten wir 125.000 Iranische Rial !

 

Nach 3 Wochen gemeinsamen Reisens mit Susi und Christian wollen wir nun einige Zeit getrennt unterwegs sein. Susi und Christian überlegen rasch ins Zagros Gebirge zu fahren, wir möchten noch einen „Schlenkerer“ nach Norden machen. Wir steuern Jolfa an der Grenze zu Aserbaidschan an, um zum Stephanus Kloster zu kommen und werden von einer Art „Duty Free Zone“ überrascht. Shopping Center reiht sich an Shopping Center, Spielplätze, ein iranisches Disneyland und sogar IKEA ist dabei einen Store zu eröffnen. Teure Autos und sehr schicke Menschen begegnen uns. Die meisten Frauen tragen ihr Kopftuch mehr als leger und sehr schick, als modisches Accessoire. Das Stephanus Kloster, UNESCO Kulturerbe, liegt direkt am Grenzfluss Aras. Vom 4.Jahrhundert bis 1830 war es Bischofssitz der armenischen Kirche, dann verfiel es unter türkischer Besatzung. Jetzt ist es fast ein wenig zu schön restauriert. Auch wegen der vielen einheimischen Besucher, die überall Selfies machen, ist von Spiritualität wenig zu spüren. Wirklich entspannt ist der Klostergarten, mit Teich und vielen Rastplätzen, auf denen hemmungslos gegrillt und gepicknickt wird. Da könnten wir uns wirklich was abschauen! Unzählige Male werden wir gegrüßt, willkommen geheißen, mit Obst beschenkt und fotografiert.

 

Wir folgen dem malerischen Grenzfluss, der im grünen Tal zwischen ocker-färbigen Hügeln und hohen grauen Berggipfel dahinschlängelt. Wären da nicht die vielen Wachtürme auf beiden Seiten, man könnte fast vergessen, dass wir uns in einer Grenzregion bewegen. Als Martin die wunderbare Landschaft fotografiert, stürmen sofort mehrere Soldaten aus einer nahen Kaserne und können erst beruhigt werden, als wir ihnen alle unsere Fotos (natürlich ohne militärische Anlagen) zeigen.

 

Das Tanken geht -entgegen unserer Informationen früherer Reisender- problemlos und macht richtig Freude: 40 l Diesel für € 2,04 !!

 

Über Ahar gelangen wir nach Meshgin-Shahr, der Stadt mit der angeblich längsten Fußgängerhängebrücke (360m lang und 80 m hoch) im Nahen Osten. Wir landen mitten in einer iranischen Freizeitanlage mit Kletterwand, Sprungturm, Marktständen und einem Flying Fox über das Flusstal. Den lassen wir uns nicht entgehen und schweben - wie viele Iraner/innen auch - aufs andere Ufer.

 

Sehr beeindruckt sind wir vom Stelenfeld Shahar Yeri, ein paar Kilometer weiter. Bis zu 3500 Jahre alte Steinstelen mit ausdrucksstarken Gesichtern stehen hier stumm auf einem alten Siedlungshügel. Man vermutet, dass die Siedlung schon vor 8000 Jahren existiert hat, mit einem Palast, einer Quelle in einer Höhle, die als „Hamam“ genutzt wurde.

 

Über einen Gebirgszug steuern wir nach Süden. Bis auf 2.000m liegen Getreidefelder. In 2.300 m Höhe haben Nomaden ihre Weidegründe. Sie leben in einfachsten Zelten auf Lehmboden oder spärlichen Grasflächen, mit ein paar Hühnern und Ziegen. Es gelingt uns nicht wirklich mit ihnen in Kontakt zu treten, nur ein schüchterner Junge traut sich zu uns und freut sich über Mentos und Obst.

 

Die „coloured hills“ begleiten uns nach Tabriz, wo wir den El Goli Park ansteuern. In der fast 2 Millionen Stadt kann man im Park campen, das sagt unser Reiseführer. Und es stimmt wirklich: Rund um den stimmungsvollen künstlichen See und in den großzügigen Parkanlagen stehen viele Kuppelzelte, überall wird gepicknickt, flaniert und Eis gegessen. Wir genießen eine völlig entspannte Atmosphäre, in der verliebte Paare Händchen halten oder den Frauen das Kopftuch einfach runterrutsch. Wir bekommen unzählige Einladungen, Telefonnummern für allfällige Notfälle und wenn wir für jedes Foto mit uns und Cappuccino nur 10Cent verlangen würden, könnten wir unsere Reise finanzieren. Als Susi und Christian auch eintreffen, verteilt sich die Aufmerksamkeit etwas, und das entspannt sehr 😊. 

 

Der Basar von Tabriz, UNESCO Weltkulturerbe, ist berühmt für seine Teppiche. Vormittags herrscht noch angenehme Ruhe, vornehme Herren trinken Tee und plaudern. Gegen Mittag füllen sich die überdachten Gänge und Hallen, denn bald ist Schulbeginn und das nutzen viele Familien für ausgiebige Einkäufe und Ausflüge. Einige davon übernachten mit Kind und Kegel im El Goli Park, wo bis spät in die Nacht aufgebaut wird.

 

Vor der Blauen Moschee überrascht uns ein „Iranisches Start-Up“ mit einem wunderbaren „double espresso“ – eine wahre Seltenheit im Iran. 3 junge Leute haben in einem VWT2 ein kleines Café eingerichtet und servieren mit viel Aufmerksamkeit die Köstlichkeit. Wie überall werden wir herzlichst eingeladen und in spannende Gespräche verwickelt.

 

Leider wurde nach dem Erdbeben im 18. Jahrhundert die Blaue Moschee nur architektonisch wiederaufgebaut. Die Pracht der blauen und goldenen Mosaikfayencen, die das gesamte Gebäude Außen und Innen einst geschmückt haben, kann man heute nur noch erahnen. Die besonders aufwändige Herstellung und die einmaligen Motive machten die Moschee, neben der imposanten Kuppel, bereits im 14. Jahrhundert weit über Persien hinaus berühmt.

 

In einer super-modernen Shoppingmall, wo die eleganten Iraner und Iranerinnen Designer Ware erstehen können, füllen wir unsere Vorräte auf und wagen uns in den dichten und halsbrecherischen Verkehr aus Tabriz hinaus. Unser Ziel ist das kleine Dorf Kandovan mit seinen Höhlenwohnungen im Tuffstein. Wir fühlen uns wie in „Klein – Kappadokien“ und „Hallstadt“ zugleich. Souvenierläden, Imbissstuben – und ja, auch Höhlen mit Wohnungen.

 

Wir bleiben nicht lange und nehmen eine Piste nach Süden, die uns auf 3.320m bringt. Hier gibt es nur mehr ein paar freundliche Hirten, Schafe und Stille. Eine echte Wohltat nach den Nächten im El Goli Park!

 





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Kommentare: 6
  • #1

    www.pumare.de (Dienstag, 17 September 2019 21:53)

    Hallo Lisa und Martin,
    gerade bin ich durch Zufall auf eure Webseite gestoßen. Finde ich ja toll weil wir das selbe Ziel haben. Allerdings starten wir erst in 4 Wochen ab Hamburg. Weihnachten und Silvester wollen wir in Dubai sein und dann in den Oman weiter reisen. Solltet ihr unterwegs mal 2 PhoeniX Reisemobile sehen, dann sind wir das! Im Iran waren wir bereits vor 5 Jahren, ein fantastisches Reiseland. Unsere Webseite www.pumare.de
    Also dann vielleicht bis bald im Oman, das würde uns sehr freuen! Lg. Peter und Monika

  • #2

    Maria & Wolfgang (Mittwoch, 18 September 2019 10:37)

    So viele schöne Erinnerungen, aber auch viel Neues, was wir damals nicht gesehen haben. Eines überstrahlt jedoch alles: die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen. "Welcome to Iran!", ein geflügeltes Wort mit so viel Ehrlichkeit und Unverfälschtheit!
    Weiterhin gute Fahrt und wir freuen uns auf die nächsten Berichte!
    Alles Liebe aus dem sonnigen Kreta!
    Maria & Wolfgang & Flora

  • #3

    Tom & Theres Koch (Mittwoch, 18 September 2019 20:48)

    Hallo zusammen
    Gespannt haben wir eure ersten Eindrücke vom Iran gelesen. Einmal mehr die Bestätigung der Freundlichkeit der Leute und der Faszination dieses Landes.
    Täglich verfolgen wir die aktuellen politischen Entwicklungen und hoffen, dass es nicht zu militärischen Aktionen gegen den Iran kommt. Aber brenzlig ist es schon wiedereinmal in der Region.

    Euch aber trotzdem viel Freunde und schöne Erlebnisse!

    Grüsse
    T&T

  • #4

    pumare.de (Freitag, 20 September 2019 10:13)

    Hallo Lisa und Martin
    wir werden auch durch den Iran fahren und etwa am 20. Dez. mit der Fähre zu den VAE übersetzen. Unsere Mail: peter.ambos@t-online.de
    Lg. und weiter gute Fahrt wünschen Monika und Peter

  • #5

    Karin (Mittwoch, 25 September 2019 19:18)

    soso, Ottakringer gibts also auch im Iran. ;))
    bussi, Karin

  • #6

    Lisi (Donnerstag, 26 September 2019 07:19)

    @Karin
    ... natürlich aklkoholfreies Ottakringer :-)
    special edition for Iran