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Die Wüste ruft: Dasht-e Kavir und Yazd


Mittwoch, 9.10.2019 (18.7.1398) – Sonntag, 20.10.2019 (29.7.1398) - -968 km

GESAMT:  69 Tage –  8.677 km

 

So sehr uns Esfahan fasziniert, jetzt ist es wirklich Zeit, dass wir Sand unter unsere Räder bekommen. Wir bunkern Lebensmittel und Wasser in einer modernen Shopping Mall im Süden der Stadt und fahren ostwärts Richtung Nain, der alten Teppichstadt am Rand der Dasht-e Kavir. Hier füllen wir unsere Dieseltanks. Das ist gar nicht so einfach, denn Diesel gibt es nur mit einer Tankkarte, die aber ausschließlich einheimische LKW-Fahrer haben. Also heißt das mit ihnen ins Gespräch zu kommen und zu hoffen, dass sie auf ihre Karte für uns mittanken. Das ist manchmal ganz einfach, manchmal kompliziert, aber meistens klappt es mit etwas Geduld und freundlichem Lächeln. Oft bekommen wir dann den Diesel auch noch geschenkt, aber ab und zu wittert ein Tankwart gutes Geschäft und möchte den 3fachen Preis – so nach dem Motto „Probieren kann man es ja“. In Nain helfen uns im Endeffekt 3 verschiedene LKW-Fahrer unseren Tank zu füllen.

 

Hier schnuppern wir bereits Wüstenluft. Die Dörfer mit Lehmbauten werden immer wieder überragt von Kasbah–ähnlichen Gebäuden. Aufwändige, überdachte Wasserzisternen, mit Windtürmen zur Kühlung, signalisieren die Bedeutung der Bewässerung hier in dieser trockenen Zone. Über die Schnellstraße zum 1000 km entfernten Pilgerzentrum Mashad, erreichen wir die Wüstendörfer Anarak und Chiupanan. Hier treffen wir uns mit Susi und Christian, die schon von Yazd aus den Osten der Wüste durchquert haben. Gemeinsam möchten wir zum Dünengürtel Rig-e Jenn, der diesen zentralen Teil der Dasht-e Kavir mehrere Kilometer durchzieht. Das ist der ideale Ort, um unsere Autos so richtig im Sand auszuprobieren und gleichzeitig das eindrucksvolle Panorama mit Dünenkämmen, Bergrücken und trockenen Flusstälern zu genießen. Zwischen den Sanddünen bauen wir unser Lager auf, backen Brot und genießen die Stille.

 

In Jandaq füllen wir noch einmal Diesel nach und besorgen uns frisches Obst und Gemüse. Von dort sind es nur ein paar Kilometer nach Mesr. In der kleinen Oase findet man Ansätze von Tourismus. In alten, renovierten Lehmbauten sind hübsche Guest Houses untergebracht und Toyotas stehen bereit, um Gäste zum Sundowner in die Dünen zu fahren. Das machen wir eigenständig und stellen uns noch einmal direkt in den Sand, um den Vollmond auf uns wirken zu lassen.

 

In Mesr sagt man uns „No, no, there is no track through the dunes to Arusan, you have to take the proper road!“ – aber wir haben andere Infos und unser GPS. Also machen wir uns auf eine „Scouting-Tour“ durch das Dünengebiet östlich von Arusan. Über Sandpisten, Dünenkämme und in einem trockenen Flusstal durchs Gebirge kommen wir ans Ziel – genau nach unserem Motto: „Off the beaten tracks“. Arusan liegt wie ein kleiner grüner Außenposten am Rande des Gebirges mit Blick auf eine große, flache Sand- und Salzebene. Es wirkt auf uns wie ein Geisterdorf, obwohl der Palmengarten sichtlich bewirtschaftet wird. In einem trockenen Flusstal finden wir einen geschützten Platz und nehmen Abschied von Susi und Christian. Sie wollen nach Norden, wir nach Süden Richtung Yazd. Vor unserer Tour in die Wüste Lut werden wir uns wieder treffen.

 

Wir peilen die kleine Wüstenstadt Khur an, der Verkehrsknotenpunkt im Zentrum der Dasht-e Kavir. Hier entdecken wir ein hübsches Café, das von 2 jungen Iranern betrieben wird. Der Duft von herrlichem Espresso und viele Träume von der großen weiten Welt füllen den kleinen Raum. Weitere Pisten queren ein Gebiet aus Bergen, trockenen Flusstälern und Abraumschutt – nicht sehr attraktiv. Wir passieren die Oase Garmeh und bleiben schließlich in Bayazeh. Eine imposante, zum Teil verfallene Lehmfestung bildet das Zentrum dieser Siedlung. Unter den Lehmbauten liegt ein unterirdisches Wassersystem mit darüber gesetzten Windtürmen, die bis heute als Klimaanlage funktionieren. Manche Lehmbauten sind völlig verfallen, manche renoviert und offensichtlich bewohnt. Auf unserer Erkundungstour begegnen wir nur wenigen Menschen, einige Kinder fahren fröhlich Rad, der Mullah schaut mit gütigem Blick zu, der Palmenhain am Rande der Salzwüste wird intensiv bewirtschaftet. Seit langem hören hier wieder einmal den Ruf des Muezzin und der Mond taucht die Szenerie in ein gespenstisches Licht.

 

Wir folgen einer einsamen Piste, begleitet von Bergrücken und Salztonebenen, zur zarathustrischen Pilgerstätte „Chak-Chak“. Hier soll eine Prinzessin auf der Flucht vor den arabischen Invasoren 637 n.Ch. gerettet worden sein. „Chak-Chak“ ist das Geräusch der Wassertropfen, die dem Felsen entsprangen. Schließlich „versteckte“ sie der Berg, indem sich ein Spalt öffnete. Bis heute kommen viele zarathustrischen Pilger aus aller Welt hierher.

 

Unser weiteres Ziel ist Yazd, die Wüstenstadt der Windtürme und der eindrucksvollen Altstadt aus Lehmbauten und Tunnelgassen. Wir sind zufällig zum Ende des Ashura – Trauermonats hier und erleben die Feierlichkeiten hautnah mit. Der Basar ist am Feiertag grossteils geschlossen, aber in der Jame Moschee und an anderen Orten wird stundenlang gesungen und rezitiert. Viele Menschen, ganz in Schwarz gehüllt, füllen die Hauptstraßen und Plätze. In der Moschee lauschen Männer und Frauen getrennt den choralähnlichen Gesängen, klopfen sich auf die Brust und breiten ehrfürchtig die Arme aus. Vor der Moschee herrscht eher Volksfeststimmung: man isst Eis, flaniert mit der Familie, macht unzählige Selfies und shoppt in den wenigen offenen Geschäften. Wir sind mitten drinnen, bis wir uns – erschöpft auch wegen der 40°C – in Cappuccino zurückziehen.

 





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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph (Montag, 28 Oktober 2019 08:11)

    Liebe Elisabeth, lieber Martin!
    Habe mich jetzt in euren Blog eingeloggt und eure Reise "nachgelesen". Einmal mehr ist es unglaublich, was ihr alles erleben dürft. Ich freue mich mit euch! Euer Besuch der Osttürkei (Vansee...) erinnert mich an frühe Lebenszeiten.. und auch der Iran ist spannend! Freue mich schon, wenn wir uns nach eurer Rückkehr mehr über die politischen Hintergründe und das Alltagsleben der Menschen austauschen können. Andrea kam letzte Woche von einer 16 tägigen Iranreise zurück. Ihr hättet euch ja beinahe begegnen können....
    Bei uns tut sich sehr viel, mehr darüber in einem persönlichen Mail in den nächsten Tagen. Denk öfter an euch und wünsche noch noch eine erfüllte gemeinsame Zeit!
    Liebe Grüße auch von Andrea!
    Bis bald
    Christoph