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Wasser – Wasser – Wasser


Montag, 24.10.2022 – Sonntag, 30.10.2022

 

Bis jetzt hatten wir ziemliches Wetterglück, aber hier, am südlichsten Abschnitt der Carretera Austral, erleben wir wer das Sagen hat: die Natur – und da vor allem das Wasser.

 

Die Bewohner der kleinen ehemaligen Holzfällersiedlung Caleta Tortel wissen das genau. Das Dorf liegt malerisch an einem Meeresarm gleich neben der Mündung des Rio Baker und war bis vor Kurzem nur per Boot erreichbar. Ihre Häuser bauten sie auf Stelzen, die mit Holzstegen verbunden sind und dem steilen Ufer folgen. Sehr vorsichtig laufen wir treppauf und treppab, denn durch den andauernden Regen sind die Stege ziemlich rutschig. Also Wasser vom Meer her und vom Himmel.

 

Der Rio Baker, der wasserreichste Fluss Chiles und voller Lachsforellen, fließt durch Engstellen, dann wieder durch sumpfige Wiesen, Seen und Lagunen. Dichter patagonischer Urwald mit Riesenfarne, Südbuchen und Nalcapflanzen (die Blätter ähneln unserem Rhabarber, nur viel größer) bilden ein dichtes Unterholz und überziehen steile Felsen. Unzählige Wasserfälle stürzen herab, wo immer es möglich ist grasen Kühe und Schafe. Die Fishing Lodges entlang des Rio Baker sind noch verwaist und sehen im Regen auch etwas triste aus. Also Wasser vom Fluss, von den Bergen und vom Himmel.

 

In Puerto Tranquilo, am blau-grünen Lago General Carrera, bringt uns ein kleines Motorboot zu Marmorgrotten. Tektonische Verwerfungen und andauernde Erosion durch Wasser haben hier Marmorgrotten entstehen lassen, die Namen wie „Kathedrale“, „Kapelle“ oder auch „Hund“ tragen. Geschickt manövriert der Kapitän das kleine Boot auch in enge Höhlen. Hier haben wir Glück: wenig Wind und nur ab und zu ein paar Regentropfen – also Wasser vom See und ein bisschen vom Himmel.

 

Im Valle Exploradores, das zum Nordrand des Patagonischen Eisschilds und zum Pazifik führt, ist Wasser wieder omnipräsent. Wasserfälle von allen Seiten, die über glatte Felswände oder in Stufen ins Tal stürzen. Der Fluss fließt ruhig durch sumpfiges Gelände, dann eng und sprudelnd um dann wieder breit ausufernd das ganze Tal auszufüllen. Die hängenden Gletscher verschwinden im Nebel und Regen, aber die Ergebnisse eines Gletscherlaufs sind bis heute deutlich sichtbar. Unter der herabhängenden Gletscherzunge hatte sich ein See gebildet, der sich mit einem Knall plötzlich ins Tal ergoss. Die Bäume der Abhänge wurden wie Zahnstocher mitgerissen und riesige Felsbrocken haben eine Lagune aufgestaut. Der Fluss musste mühsam frei gebaggert werden, die Piste wurde auf einen Schotterdamm gelegt. Thomas, ein Deutscher der mit seiner Familie im oberen Talgrund seit mehr als 20 Jahren das Hostel „Campo Alacaluf“ führt, war für ein halbes Jahr von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Er berichtete uns, dass er und seine Nachbarn auf dem neu entstandenen kleinen See mithilfe eines Bootes einen Art Shuttledienst einrichteten, um die Versorgung aufrecht zu erhalten. Also auch hier Wasser von allen Seiten. „Aber dann kam die Pandemie und da waren wir alle noch viel länger eingesperrt“ meint Thomas vielsagend.

 

Die Piste ins Valle Exploradores führt direkt zur Laguna San Rafael, wo man mit einem Boot zum Gletscherrand des Patagonischen Eisschilds fahren könnte. Dieses Mal hatten wir Wetterglück: bei unserer Wanderung durch dichten Dschungel zum Aussichtspunkt auf den Gletscher und den höchsten Gipfel hier (Monte San Clemente o San Rafael, 4058m) reißt der Himmel auf und wir genießen die Sonnenstrahlen.

 

Unsere Freude ist kurz. Thomas sagt, dass heftige Regenfälle und starker Wind angesagt sind. Wir haben eindrucksvoll gesehen, was das in diesem engen Tal heißt, also fahren wir rasch hinaus und weiter nach Norden. In Cerro Castillo erwischt uns der heftige Wind, als wir zu den Cuevas Las Manos wandern. Auch hier haben in den Felsen vor ca. 4000 Jahren Menschen ihre Handabdrücke – als Positiv und Negativ – hinterlassen. Abends müssen wir Cappuccino 3 x umstellen, weil wir Angst haben, die unglaublichen Windböen könnten uns umwerfen.

 

Und dann beginnt es zu regnen. Heftig und ohne Unterbrechung, ab und zu fällt Schnee, die Temperaturen sinken auf 0° bis 6°C. Bei so viel Wasser vom Himmel lassen wir die sicher sehr eindrucksvollen Nationalparks der Region aus. Auf Wanderungen bei Dauerregen und Nebel im patagonischen Regenwald (!) haben wir wirklich keine Lust. Leider hüllt auch der Vulkan Chaitén sein Haupt in Nebel und Schnee. Dieser hatte 2008 das gleichnamige Dorf mit Asche zugedeckt, eine Asche- und Schlammlawine des aufgestauten Flusses tat das Übrige. Heute ist das damals komplett zerstörte Dorf wieder aufgebaut und hofft auf Wanderer, die den Nationalpark Pumalín erkunden möchten – bei schönerem Wetter.

 

Nördlich von Chaitén muss man auf der Carretera Austral zwei Fähren nehmen um weiter zu kommen. Eine kürzere Fähre über den Fjordo Largo und dann nach 10km Piste zum nächsten Hafen über den Coman Fjord (ca. 4 Stunden). Bei strömenden Regen stellen wir uns in die Auto- und LKWschlange zur ersten Fähre und kommen nur nach intensiven Bitten noch mit. Die zweite ist dann kein Thema mehr, denn alle Fahrzeuge der ersten werden mitgenommen. Dicht bewaldetet Hänge begleiten uns, es hat weit herunter geschneit und es regnet. Eine Fischzucht reiht sich an die andere - irgendwo muss ja der „norwegische Lachs“ herkommen – angeblich gehören fast alle Fischzuchten norwegischen Unternehmen. Lachs, ein Fisch, der hier ursprünglich gar nicht heimisch war.

 

Aber siehe da, in Hormopirén, wo die 2. Fähre anlegt, regnet es nicht und wir erleben sogar einen ersten, zaghaften Sonnenuntergang über dem Fjord. Am nächsten Tag nehmen wir die kleine Straße am Ufer entlang, „pflücken“ ganz frische Muscheln für Spahetti con vongole und genießen beim nahen Fischerdorf Contao einen sonnigen Nachmittag; Delfine springen, die Sonne lacht - was für eine Freude.

Entlang der Strecke überraschen uns zahlreiche kleine Bootsbauer – hier offenbar noch ein gefragtes Handwerk.

 

Jetzt können wir die letzten ca. 50 Kilometer der imsgesamt 1.247  km langen Carretera Austral nach Puerto Montt hoffentlich bei besserem Wetter erleben.

 

Nähere Angaben zu den Fähren nach den Fotos


Für die Vollbildanzeige die Fotos anklicken und dann rechts oben auf das Viereck.

Mit Pfeil rechts vom Bild weiterblättern. Viel Vergnügen !

 


Hinweise für die Fähren auf der Carretera Austral:

 

Für die 2 Fähren von Caleta Gonzalo nach Fjordo Largo und von Leptepu nach Hormopiren sollte man angeblich lange im Voraus (online, aber nur mit chilenischer Kreditkarte oder WebPay möglich) buchen bzw. Tickets in Chaiten im Büro von Somarco (W 42.91447, S 72.70917) besorgen. Als wir dort am Samstag fragen, erklärt uns die Lady, dass das frühestens für kommenden Donnerstag möglich wäre :-)

Wir versuchen unser Glück im Hafen von Caleta Gonzalo und erhaschen mit einigem Betteln und Drängen tatsächlich einen der Restplätze.

Das 1. Schiff fährt einmal täglich um ca 15:00, das 2. anschließend nach Verladung der Fahrzeuge, die sich ohnehin im Konvoi von Fjordo Largo nach Leptepu bewegen.

 

Preise siehe Foto unten


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Kommentare: 8
  • #1

    Peter und Patricia Schirato (Montag, 31 Oktober 2022 06:53)

    Wau, ein toller Bericht. Da braucht es keine Bilder mehr. Man erlebt während dem Lesen eure Erlebnisse fast schon körperlich mit. Aber trotzdem, auch die Bilder sehen wir uns immer wieder mit grosser Freude mit. Danke euch beiden für das teilen eurer Reise. Wir wünschen euch viel Sonne. Herzliche Grüße PaPe

  • #2

    Charly und Elisabeth (Montag, 31 Oktober 2022 07:06)

    Wunderschöne Bilder und spannender Bericht. Wir wünschen euch, dass es ab jetzt auch der Wettergott mit euch besser meint!

  • #3

    stephanie & Rasselbande (Montag, 31 Oktober 2022 09:31)

    Liebe Lisi & Martin,
    Die Cathedrale hat Anika schwer beeindruckt, es ist ja auch wirklich etwas Besonderes wenn die Natur die Natur formt…
    Ansonsten fühlt man sich fast selbst nass beim Lesen eures Berichtes, so eindrücklich ist er geschrieben !
    Die Fotos passen dann perfekt dazu und mal schauen, ob wir morgen auch zumindest ein paar so fröhliche Gräber sehen werden?!?
    Umarmung aus dem heute trüben Linz
    Eure euch vermissenden Nachbarn

  • #4

    Elisabeth Gansinger (Montag, 31 Oktober 2022 10:27)

    Herzlichen Dank für eurer interessanten und abenteuerlichen Bericht. Wir hätten euch statt Wind und Regen Sonne und trockenes Wetter vergönnt. Hoffentlich geht dieser Wunsch auf den letzten 50 Kilometern eurer Carretera Austral nach Puerto Montt in Erfüllung. Eine gute Fahrt mit viel Sonne in euren Herzen und am Himmel! Liebe Grüße aus dem dichten Nebel hier in Linz
    Elisabeth und Charly

  • #5

    Adriana Kren (Dienstag, 01 November 2022 09:01)

    Seguimos paso a paso cada rincón que visitan.

  • #6

    Eva Sturm (Dienstag, 01 November 2022 17:57)

    unglaublich, eure eindrücke! kann man das noch toppen... ihr reist auch für uns! take care, Eva

  • #7

    Doris&Andi (Samstag, 05 November 2022 11:34)

    Hallo ihr 2,
    einfach toll, freue mich auf den nächsten Blogg! und wünsche euch weitere tolle Erlebnisse.
    Andi

  • #8

    Manon & Thijs (Sonntag, 27 November 2022 10:44)

    Hi Elisabeth, Martin, it’s great reading about the continuation of your trip, and seeing the amazing pictures and difference in nature between Patagonia east side of the Andes and the Chilean side. Safe travels! Best, Manon and Thijs, your temporary companions from the Torres del Paine parking lot :-)